1988 beendete ich meine Tätigkeit als Schiffsführer auf dem Rhein. Irgendwann hat man alles gesehen und man sucht neue Herausforderungen. Ende Juni fuhr ich auf dem Containerschiff GMS GRINDELWALD nach über 20 Jahren wieder mal den Rhein runter bis Rotterdam. Nicht aus Vergnügen, sondern beruflich, um mich mit den Veränderungen in der Binneschifffahrt insgesamt wieder up to date zu bringen.
Die vier Tage an Bord des Kuppelverbandes waren rückblickend anstrengend aber lehrreich, wollte ich doch so wenig wie möglich des täglichen - und nächtlichen Ablaufes an Bord verpassen. Mein Logis war auf dem Schubleichter GSL MÜRREN, der der Grindelwald vorn angekoppelt war, was eine Gesamtlänge von 176m ergab. Ex Bunderat Leuenberger fuhr seinerzeit ebenfalls auf diesen Schiffen mit, er
schlief sogar im gleichen Bett wie ich, zeitlich weit auseinander, versteht sich. Wir fuhren fahrplanmässig rund um die Uhr, mit einer doppelten Besatzung, die Ladung ausschliesslich Container, 20 oder 40 Fuss gross. Die ganze Logistik in den Ladehäfen Basel, Ottmarsheim und Strassburg war für die Besatzung langwierig und stressig. Tag und Nacht mit Schichtwechsel zwischendurch. Es galt, das Laden zu überwachen, damit die Container auch wirklich an den vom Schiffsführer in einem Stauplan vorher
bestimmten Platz geladen wurden. Jeder Container musste bei Eintreffen in den verschiedenen Häfen von Rotterdam zugänglich sein, das heisst oben drauf stehen, damit keiner kostspielig versetzt werden musste. Ausserdem musste die Stabilität der Schiffe jederzeit gewährleistet und nachgewiesen sein. Eine nie endende Rechnerei, genau wie vor 20 Jahren. Heute jedoch mit Unterstützung des
Computers. Die anschliessende Fahrt nach Rotterdam war wie üblich eher ruhiger bis fast langweilig, wenn man die Strecke in- und auswendig kennt. Die bunt zusammengewürfelte Besatzung: Francois, ein franzöischer Schiffsführer aus dem Elsass, Gerrit der holländische zweite Schiffsführer, Richard, ein junger Steuermann aus der Schweiz mit Patent, Steno und Martin, die zwei tschechischen
Matrosen waren ein bestens eingespieltes Team. Ein Kompliment an Steno, der zugleich der Koch war. Ich habe drei Mal mit der Besatzung zu Mittag gegessen und jedes Mal gab es irgendeine tschechische Spezialität von ihm, die ich noch nie vorher ass aber hervorragend schmeckte. Obwohl die ganze Binnenschifffahrt moderner, die Schiffe viel grösser, die technischen und nautischen Hilfsmittel viel
umfangreicher und der Ausbau der Rheinstrecke fast optimal ausgebaut und gekennzeichnet sind, ist eines in der fahrplanmässigen Containerschifffahrt gleich geblieben: Man ist immer zu spät - wie vor 20 Jahren. Nicht gleich geblieben sind die Löhne und die Nationalität der Besatzungen. Infolge der Dumpingpreise weltweit gibt es immer mehr Besatzung aus dem Osten und neuerdings - noch
billiger - aus den Phillippinen. Sprachkenntnisse sind gefragt aber weitaus problematischer ist der ausbleibende Nachwuchs von qualifizierten Schiffsführern. Die Merhheit der Billiglohnbesatzung ist an Karriere weniger interessiert, der Aufstieg von jungen Männern aus den Rheinuferstaaten ist infolge des Lohndumpings uninterressant geworden. Zur Zeit werden ehemalige Schiffsführer
in Rente angeheuert, damit das Schiff die Mindestbesatzungsvorschritften erfüllen, egal, was die alten Männer von der Hightech-Schifffahrt begreifen und was nicht. Rotterdam hat mir bei der Einfahrt einen grossen Eindruck hinterlassen. Die Stadt boomt und hat sich zu einem riesigen DownTown gemausert. Infolge unserer Verspätung auf den Fahrplan habe ich das Schiff abends, bereits an der ersten
Ausladepier verlassen müssen. Die zweite Station wäre 30 Km von der Stadt entfernt gewesen ohne jegliche Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Ein von Bord gehen an meinem Rückreisetag mit einem Taxi von dort aus, wäre dreimal teuerer gewesen, als ein Hotelzimmer in Rotterdam für eine Nacht. So konnte ich sonntags vor dem Abflug noch einen Abstecher in den alten Hafenteil machen, der
zum Museum für alte Schiffe umfunktioniert wurde, was bei mir eine gewisse Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" auf der Schifffahrt auslöste. zum Fotoalbum
Details: Beiden Schiffe zusammen haben eine Kapazität von über 400 Containern; Länge der Fahrzeugzusammenstellung 176m; Breite 11.45m; 5 Mann Besatzung im 24 Stundenbetrieb; die 2 Schiffsführer, 1 Steuermann und 2 Matrosen sind jweils 3 Wochen an Bord und 3 Wochen in Freischicht zu Hause; reine Fahrzeit Basel - Rotterdam ca. 50 Stunden. Die Schiffe fahren von Basel - Rotterdam - Antwerpen - Rotterdam und teilweise noch Amsterdam zurück nach Basel innerhalb 14 Tagen.
Die Schifffahrt ist romantisch - aber nur noch von Land ausgesehen....
Das Bild stammt von 1978. Damals jüngster Sf der Reederei mit 24 Jahren. Der Matrose war 18; der Schiffjunge 16; alles Schweizer und voll im Saft.
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